Marie-Luise Hinrichs - Klavier  
 
MusicOn/MusicOff
Interviews
 


Marie-Luise Hinrichs

Interview anlässlich des Erscheinens der Soler-CDs

Frau Hinrichs, wie kommt es, dass Sie sich so intensiv mit dem Komponisten Padre Antonio Soler beschäftigen?

Vor mehr als 15 Jahren hörte ich eine Sonate von Soler in einer spanischen Kirche in San Sebastian. Das war ein ganz besonderes Erlebnis - ich empfand eine totale Vertrautheit, so als ob ich die Musik schon lange kannte, aber auch das Neue, Ungewohnte. Die Sonate, Spanien und meine Stimmung - das war wie eine Vision. Ich wusste damals: Ich werde viel Soler spielen, ich werde viel in Spanien spielen.

Was hat Sie so an Soler fasziniert?

Zuerst war es seine bestimmte Atmosphäre, die mich ansprach. Etwas Mystisches, Heiliges, Reines, Meditatives. Manche Sonaten sind wie ein Gebet. Dann das Leben in Spanien bunt, farbig, lebendig, leidenschaftlich und stolz. Das alles ist in Solers Musik. Soler hat eine ganz eigene Sensibilität und etwas spanisch Ursprüngliches.

Vor ca. 2 Jahren, nachdem ich die Concerti für 2 Klaviere von Soler gespielt habe, habe ich mir sämtliche Solosonaten gekauft und war absolut fasziniert. So einfache schöne Musik mit kaum wahrnehmbaren Überraschungen. Zuerst dachte ich, einige Harmonien und Perioden sind Druckfehler und einiges war mir fremd und neu. Ich zweifelte anfangs sogar zwischen einem genialen und einem „unmusikalischen“ Komponisten - das war für mich sehr spannend.

Solers Sonaten sind noch nicht genügend bearbeitet, da die Forschungen über ihn noch nicht endgültig abgeschlossen sind. Daher gab es auch einige Druckfehler, aber eben das Unbekannte der „Nichtdruckfehler“ war für mich der Reiz, der Wahnsinn; ebenso wie die einfache Klarheit. Eine völlig unaufdringliche Sinnlichkeit - absolut neu - das hat mich gefesselt und fasziniert. Da habe ich schon damals gedacht: Mann, das ist tolle Musik - warum spielt und hört man die so selten? Ja, und letztendlich hat mich auch Solers Leben im Kloster - in seiner Zurückgezogenheit oder Isolation fasziniert. Jedenfalls habe ich es mir so vorgestellt.

Ich konnte mich zu der Zeit sehr gut damit identifizieren, weil ich durch intensives Arbeiten selber sehr auf mich zurückgeworfen gelebt habe. Damals hat mir die Arbeit mit Soler viele neue Impulse gegeben.
Soler benutzt Kirchentonarten, die ich schon immer sehr geliebt habe. Und dann hört man bei ihm Harmonien, die supermodern sind - manchmal sogar satieartig (z.B. Sonate d-moll S.R. 24).
Daß Soler übrigens Schüler von Scarlatti sein soll, ist überhaupt nicht erwiesen. Es gibt ja kaum Material, keine vollständige Biographie über Soler. Manchmal hat das seine Gründe - und nicht immer die, dass jemand uninteressant ist. Bei mir jedenfalls hat dieses nicht vollendete Bild die Fantasie angeregt.

Warum spielen Sie Soler auf dem Konzertflügel und nicht auf dem Cembalo oder dem Hammerklavier, wie es sonst üblich ist?

Soler auf dem modernen Konzertflügel - das hat mehr Farbe, wie Spanien. Der Pianoklang war bei mir wie ein Bild, nachdem ich natürlich auch Cembalo-Soler hörte. Cembalo und Hammerklavier sind auch reizvoll, aber das Klavier (bzw. der Konzertflügel) hat einfach mehr Möglichkeiten.
Soler hat sich ja auch intensiv mit Instrumentenbau beschäftigt und er hätte bestimmt,wenn er in unserer Zeit gelebt hätte, den heutigen Flügel noch moderner und verrückter konstruiert.
Für seinen Schüler, den Prinzen Gabriel z.B., hat er einen völlig neuen Flügel entwickelt,den er „Afinador“ oder „Templante“ nannte. Durch zusätzliche, quer gespannte Saiten konnte man Unterschiede zwischen den Halbtönen und Tönen (z.B. Ges und Fis) hören, was bei heutigen temperierten Klavieren nicht möglich ist.

Wie sehen Sie selbst Ihren Beruf?

Es ist ein großes Geschenk sich über die Musik ausdrücken zu können. Ich möchte mit meinem Ausdruck und meinem Klang die Menschen berühren.
Musik ist etwas nicht Greifbares - also etwas das man nicht mit den Händen festhalten oder fassen kann (wie z.B. ein Gemälde). Sie schafft einen Raum für die Phantasie im Menschen und berührt auf einer ganz anderen Ebene als z.B.die Malerei. Dadurch können Eindrücke, manchmal sogar Visionen, im Geist entstehen - Bilder, die man beim Hören sehen kann.
Debussy hat zu seinem Estampes einmal gesagt: „Wenn man nicht das Geld hat, sich wirkliche Reisen leisten zu können, muss man sie im Geiste machen.“
Das hat mit inneren Schwingungen und Vorstellungskraft zu tun. Es ist faszinierend, dass du mit der Musik die Seele der Menschen berühren kannst. Für mich ist Sensibilität und Ausdrucksfähigkeit das Wichtigste. Eine Art Offenheit, ein sensibler Nerv den man hören kann, der Grenzen erweitert - bei mir selbst und meinem Publikum. Das und die größtmögliche Identifikation mit der Aussage des Komponisten - der Seele der Musik - ist für mich das Ideal.
Diesem Ideal möchte ich mich mit meiner Interpretation der Musik so weit wie möglich nähern.





Hintergrundbild