Marie-Luise Hinrichs - Klavier  
 
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Marie-Luise Hinrichs

West-östliche Klaviergesänge -
FonoForum Interview zur CD "Vocation"/ Hildegard von Bingen

West-östliche Klaviergesänge

Sie spielte mit Christian Zacharias im Duo Mozart ein und widmete sich den Klaviersonaten des Spaniers Antonio Soler. Nun bearbeitete Marie-Luise Hinrichs Lieder der Hildegard von Bingen für Klavier, einer Frau, die mittlerweile eine große Rolle in ihrem Leben spielt, wie Mario-Felix Vogt im Gespräch mit der Kölner Pianistin erfuhr.

Zurzeit ist sie durch Margarethe von Trottas Kinofilm „Vision“ wieder in aller Munde, die vielleicht faszinierendste Frauenfigur des Mittelalters, hochkompetent in religiösen Belangen wie in Ethik, Medizin und Musik: Hildegard von Bingen (1098-1179). Auch Marie-Luise Hinrichs konnte sich ihrer Faszination nicht entziehen. Sie lernte Hildegard allerdings nicht über den Film, sondern bereits 2005 über Thomas Schäfers Buch „Visionen“ kennen. Dieses faszinierte die Pianistin so sehr, dass sie ihre Musik unbedingt kennen lernen wollte. Sie besorgte sich sogleich eine CD mit Hildegards Liedern von den Mittelalter-Spezialisten des Ensemble Sequentia und war begeistert. So begeistert, dass sie diese Lieder selbst interpretieren wollte: „Ich habe damals überlegt, Gesangsstunden zu nehmen, habe den Gedanken jedoch wieder verworfen, denn ich kann einfach besser Klavier spielen als singen.“ Hinrichs entschied sich allerdings dafür, in einer Schola mitzusingen, um diese Musik auch singend zu erleben.

Was fasziniert sie an der Musik Hildegards?

„Sie war für mich etwas ganz Neues. Sie ist fließend, natürlich und überaus frei, da es keine Unterteilungen durch Taktstriche gibt. Außerdem hatte sie für mich auch eine heilende Wirkung. Ich bin in einer sehr schwierigen Zeit meines Lebens auf diese Musik gestoßen, und sie hat mir geholfen, wieder zu mir zu finden.“ Die Lieder-Auswahl für die CD traf Hinrichs nicht unter programmatischen Gesichtspunkten, vielmehr suchte sie die Werke aus, die ihr musikalisch oder auch inhaltlich besonders nahe waren. Hinrichs verwendete als Ausgangsmaterial für ihre Bearbeitungen das Hildegard-von-Bingen-Lieder buch aus dem Otto-Müller-Verlag, das die Lieder im Notensystem mit vier Linien präsentiert, wie es vom italienischen Musiktheoretiker Guido von Arezzo um 1025 als neuer Standard eingeführt worden war.

Bei der Wiedergabe der Liedmelodien auf dem Flügel bedient sich Hinrichs einiger
Spielarten, die man eher aus der Avantgarde-Musik des 20. Jahrhunderts kennt: Repetitionstechniken mit den Fingern beider Hände, Saitenzupfen sowie Tremoli auf einem einzigen Ton. Wie kam sie dazu, solche Techniken in mittelalterlicher Musik einzusetzen? „Dies entwickelte sich so nach und nach beim Spielen und beim Hineinhören in die Musik. Ein wichtiges Instrument in der Alten Musik ist ja die Drehleier, diesen Klang wollte ich mit dem Zupfen der Saiten imitieren.“

Marie-Luise Hinrichs reichte es jedoch nicht, die einstimmigen Gesänge nur auf den Flügel zu übertragen, sie wollte noch einen Schritt weitergehen, die Lieder selbst kompositorisch ausgestalten. Dabei hatte sie auch einige mystische Erfahrungen. Spielen denn auch die theologischen Abhandlungen Hildegard von Bingens wie etwa die 600 Seiten umfassende „Scivias“ eine Rolle in ihrem Leben? „Ja. Ihre Schriften sind die Bücher, die ich hauptsächlich lese.“

Seit 2005 beschäftigt sich Marie-Luise Hinrichs auch intensiv mit arabischer Musik. Dabei stieß sie auf die Werke des griechisch-armenischen Esoterikers und Komponisten George Gurdjieffs (1866 -1949), der jahrelang durch Zentralasien, Europa und Nordafrika reiste, stets auf der Suche nach spirituellen Orten. 1922 eröffnete er in Fontainebleau bei Paris das „Institut für die harmonische Entwicklung des Menschen“. Dort lehrte er unter anderem seine „Heiligen Tänze“. Viele Künstler und Intellektuelle wie der Architekt Frank Llloyd Wright oder die Schriftstellerin Katherine Mansfield gehörten zu seinem Schülerkreis.

In Zusammenarbeit mit dem Komponisten und Pianisten Thomas de Hartmann entstanden in den Jahren 1924 bis 1927 mehrere Klavierstücke, in denen Gurdjieff seine Eindrücke musikalisch verarbeitete. Da er selbst kein Pianist war, pfiff er de Hartmann die Melodien vor oder spielte sie mit einem Finger am Klavier. Wie in Hildegard von Bingens Liedern fehlen auch in Gurdjieffs Musik teilweise die Takt striche, oder es kommt zu Taktwechseln, weiterhin wechselt Notiertes mit Improvisationsteilen. Geschickt kombinierte Marie-Luise Hinrichs die christlichen Gesänge mit den orientalischen Klavierstücken. Beide verbindet die meditative Grundstimmung, die Gurdjieff-Stücke bringen jedoch durch die arabische Melodik zusätzlich exotische Farbe in das Album.

Die Kölner Pianistin nähert sich den Werken mit vollem, rundem und singendem Ton und schafft durch Legatissimo-Spiel auch in den einstimmigen Liedern so etwas wie eine latente Mehrstimmigkeit. Sie nutzt die ganze Klaviatur des Flügels, wechselt gelegentlich die Oktavlagen in der Melodie und bereichert den normalen Klavierklang durch klug dosiertes Spiel an den Saiten. So entstehen intime „Klaviergesänge“ sowie eine Musik, „die uns zu völlig anderen Kulturen und Ländern führt und durch das meditative Element wieder zu uns selbst“.

Stichwort

Schola: Eine Schola (lateinisch „schola cantorum“ für „Singschule“) ist ein kleiner
Chor, der in der Liturgie den unbegleiteten einstimmigen gregorianischen Choral singt.
Oft besteht eine Choralschola nur aus Männern, es gibt aber auch gemischte und nur
mit Frauen besetzte Choralscholen.

Zur Person

Marie-Luise Hinrichs erhielt ihren ersten Klavierunterricht mit sieben Jahren. 14-jährig springt sie für Stefan Askenase mit einem Mozart-Klavierkonzert ein, nach dem Erfolg dieses
Abends steht für sie fest, dass sie Pianistin werden möchte. Sie absolvierte ein Solistenstudium bei Yara Bernette und Pavel Gililov, das sie durch ein Kammermusikstudium beim Amadeus-Quartett ergänzte. Seit 1993 tritt Marie-Luise Hinrichs bei internationalen Festivals wie dem Würzburger Mozartfest, den Ludwigsburger Schlossfestspielen, dem Festival La Roque d'Anthéron auf, weiterhin konzertierte sie unter anderem im New Yorker Lincoln Center, im Théâtre des Champs-Élysées und im Concertgebouw Amsterdam. Ihre zusammen mit Christian Zacharias für EMI Classics eingespielte CD mit Mozarts Werken für zwei Klaviere erhielt 1998 eine Nominierung beim Cannes Classical Award. In den letzten Jahren führten sie Tourneen unter anderem nach Deutschland, Frankreich, Spanien, Norwegen
und in die USA.

Aktuelle CD

Vocation – Lieder der Hildegard von Bingen
(Klaviertranskriptionen), Klavierwerke von
George Gurdjieff; Marie-Luise Hinrichs (2008/2009)
Raumklang/HM CD 4018767029024

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