Marie-Luise Hinrichs - Klavier  
 
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CD Cover

Marie-Luise Hinrichs
Vox maris

Eigene Kompositionen

Marie-Luise Hinrichs, Klavier
Angel Records

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CD
Marie-Luise Hinrichs:
„Vox maris“
Angels Records 2020

Sie geht ihren sehr eigenen Weg: Marie-Luise Hinrichs, die sich selbstbewusst und zugleich ein wenig altmodisch als „Pianistin und Komponistin“ bezeichnet, hat bei dem kleinen Label Angels Records erneut eine CD vorgelegt, dieses Mal unter dem Titel „Vox maris“ und ausschliesslich mit eigenen Kompositionen. Das Ganze sieht ein wenig nach Selbstverlag aus und ist, vereinfacht gesagt, einer alternativen Szene zuzuordnen, in der immer mehr Musiker sich zunehmend intensiv der Welt der alten Modi zuwenden und zu einfachen musikalischen Modellen finden, für die die Rück-Bindung an vormoderne Vorbilder konstituierend ist. Dazu passt auch, dass die neue CD auf einem Yamaha Baby Grand eingespielt wurde, einem Flügel für das häusliche Musizieren, der für die Kompositionen, die auf dieser CD zu hören sind, ungleich besser geeignet sein dürfte als ein glamouröser Concert Grand. Der Gedanke, man könne für diese Stücke womöglich auch ein ehrwürdiges Tafelklavier wählen, ist da nicht ohne Reiz.

Der eigene Weg der Marie-Luise Hinrichs begann vor einigen Jahren, als sie sich mit Hymnen der großen mittelterlichen Denkerin und Mystikerin Hildegard von Bingen befasste. Hinrichs übertrug damals einige dieser Kompositionen auf das Klavier. Zwar war sie nicht die Erste, die sich mit der Musik der Hildegard auseinander setzte, aber sie transponierte diese Hymnen eben nicht in ein modernes Verständnis von Musik wie so mancher zeitgenössische Komponist, sondern schuf aus deren eigenem Inneren heraus neue und doch irgendwie vertraute Klangwelten. Das wiederum entsprach durchaus dem Denken des frühmittelalterlichen Musiktheoretikers Boethius, demgemäß die „musica humana“ als Spiegel der „musica coelestis“ aus der inneren Harmonie der Seele erwächst. Hildegard von Bingen wiederum kannte die Schriften des Boethius nur zu genau; doch schrieb sie eine Musik, die ungleich leidenschaftlicher und ekstatischer war als etwa die gregorianischen Gesänge ihrer Zeit.

Hinrichs’ neue CD „Vox maris(Stimme des Meeres)“ enthält 21 Miniaturen mit Titeln wie „Rollen der Wellen“, „Sprache der Delphine“ oder auch „Romanze im Fischerboot“ - die letztere eine beinahe schon vertraut wirkende Barkarole in der „Gitarren“-Tonart e-Moll. Gleich drei Mal geht es um „Walgesänge“. Das Ganze weist keinen einheitlichen Stil auf, hat aber etwas unbedingt Spielerisches, wobei die einzelnen Kompositionen ihre je eigene Stringenz entwickeln. Das kompositorische Verfahren könnte man am ehesten mit dem Wort „bricolage“ belegen, einem Begriff, der auf den französischen Anthropologen Claude Lévy-Strauss zurück geht und der inzwischen zu den Markenzeichen der Postmoderne zählt.

Die „Stimme des Meeres“ korrespondiert, so scheint es, der inneren Stimme der Komponistin. Gerade auch, wenn es um „Walgesänge“ oder die „Sprache der Delphine“ geht. Weit hergeholt? Keineswegs. So setzte sich der Philosoph und Musiker Daniel Charles 1977 in seinem Essay „Säugetierstimmen, Walfischmusiken“ intensiv mit dem „Pfeifen“ sowie dem „Jaulen, Brummen, Murmeln, Wimmern usw“ der Delphine auseinander und zitierte dazu den Kommunikationsforscher Anthony Wilden, der bereits Anfang der 1970er Jahre auf die „Komplexität der Kommunikation der Delphine und im Gesang der Wale“ hingewiesen hatte. Und tatsächlich zählen nun diese Miniaturen zu den avanciertesten und den atmosphärisch dichtesten dieser CD.

Hier wagt sich Marie-Luise Hinrichs weit in bisher eher gemiedene harmonische Bereiche. „Sprache der Delphine“ besteht vor allem aus Einzelereignissen in der viergestrichenen Oktave, die sehr wohl punktuell Sprachcharakter annehmen, insgesamt aber eine komplexe Melodie formen. Die „Walmusiken“ I bis III wiederum führen in rätselhafte dunkle Baßregionen des Pianoforte. Die Tontrauben im Bereich der großen und der Kontra-Oktave erinnern spontan an Henry Cowells meeresmythologische „Tides of Manaunaun“ von 1917, doch werden nun die Cluster vorwiegend direkt erzeugt, indem bei aufgehobener Dämpfung die Saiten glissando unmittelbar mit dem Finger angerissen werden. Die so erzeugten Klänge sind zugleich einprägsam wie konstituierend für die Gesamtform. Klanglich verwandt, aber vor allem aus düster rollenden chromatischen Skalen generiert, ist das expressive „Meeresrauschen“. Manchmal sind es gerade die einfachen Mittel, die am stärksten überzeugen.

Daneben finden sich lyrische Stücke wie „Austernperle“ oder Anklänge an barocke Formen(„Schilfgras“) oder auch - in „Treibholz“ - ein Beinahe-Zitat aus dem ersten Satz des Klavierquintetts von Johannes Brahms, das hier, als isolierte musikalische Gestalt, einem kurzen Prozess der Permutation unterworfen ist.

Vieles in diesen zwanzig Miniaturen wirkt assoziativ. Man denkt an den Sprachforscher Noam Chomsky, auf den sich Leonard Bernstein in seinem Buch „The unanswered question“ berief. Chomsky geht von einer grundlegenden Differenz zwischen „competence“ und „performance“ aus. Übertragen auf die Musik, wären diese zwanzig Miniaturen unbedingt dem Bereich der „performance“ zuzurechnen. Der ausgeprägte meditative Charakter ist ebenso unverkennbar wie eine Neigung zum Repetitiven, so wie sie eben auch der amerikanischen Performance-Music im Gefolge der Minimal Music eignete. Nicht zu überhören aber ist, dass alle diese kurzen Stücke zugleich Erzählungen sind: kurz, prägnant, bildhaft.

Das alles atmet gewiss den Geist der Selbst-Findung und der Selbst-Erfahrung, ist aber ebenso getragen vom spirit einer inneren Wahrhaftigkeit, angesichts dessen Fragen des Stils oder der Machart eher in den Hintergrund treten. Es klingt hier eine eigentümliche Zeitlosigkeit auf, welche sich unmittelbar mitteilt, und die man ohne weiteres als zeitgemäss erfährt.

Norbert Ely ©2020


Vox maris, Angels Records, CD Besprechung Klassik Heute 

Die schwarzen und weißen Tasten, die sich vor Marie-Luise Hinrichs ausbreiten, rufen danach, spielerisch erforscht zu werden – und die Pianistin lässt sich mit Neugier und viel Empfindung darauf ein. Warum auf Vorlagen anderer zurück greifen? Dies dachte sich Marie-Luise Hinrichs bereits vor Jahren, als sie – jenseits ihrer beachtlichen Interpretinnenkarriere – zum ersten Mal ihrem Instrument die Musik selbst auf den Leib zu schreiben begann. Auf beseelte Weise „eigen“ wirkt dieses Langzeit-Projekt, das sie auch auf ihrer aktuellen CD unbeirrt weiter treibt.

 „Vox Maris“ so der Titel der CD – in diesem Sinne hat sie alles den Stimmen des Meeres gewidmet. Dabei geht es um klangsinnliche und lyrische Aspekte gleichermaßen. Wie auf ihrer vorigen CD sind es miniaturhafte Skizzen, bei denen luftige Klarheit und eine aufgeräumte Grundstruktur alles ist. Aber die Wege und Umwege sind neue und andere. Es werden Fenster aufgestoßen, wo das Meer in seiner ganzen Bildkraft als programmatische Quelle Einzug hält.

 Musikalisches Portrait des Meeres 

Feinsinnige und aufsteigende Tonfolgen wirken lautmalerisch, blitzen wie Luftblasen unter Wasser auf. Auch das Rollen der Wellen bekommt seine Eigendynamik, wenn Marie-Luise Hinrichs treffsicher die atmosphärischen Register zieht. Eigenwillige, subtil-dissonante, sich in kleinen Tonabständen abwechselnde Harmonien suggerieren zarte Lichteffekte. Zugleich entfaltet nicht selten ein raffiniert gewebtes Arpeggiengewoge in melancholischen Mollskalen Erzählkraft für den individuellen Hörfilm. Doch ist der Ozean auch groß und eine elementare Kraft. Basstöne dringen in diese dunklen Tiefen vor, doch bald schon blitzen wieder Sonnenstrahlen von der Oberfläche her auf. Manches wirkt stimmungsvoll-heiter aber viele Stücke lassen – oft gerade mal im Anderthalb- bis Dreiminutenformat – raffinierte Dramaturgien entstehen. Nicht nur, wenn in den filigran verschränkten Modulationen des fünften Stückes eine „kleine Meereskunde“ entsteht und hier allerhand raffiniert aufeinander bezogene Überraschungen erlebbar sind. Oft werden auch impressionistische Anleihen, Ganztonskalen etwa wie bei Debussy aufgegriffen. Aber all dies immer wieder in einer sehr persönlichen Diktion, die auf dem bewusst eingesetzten kleinen Yamaha-Flügel eine zarte, intime Aura entfaltet. Reichlich bildhafte Fantasie ist in dieser Ton- und Klangsprache auf jeden Fall vorhanden. 

Stefan Pieper [25.10.2020] 


“Vox maris” (Angels Records), CD review on the website www.klassik-heute.com 

The black and white keys spreading out before Marie-Luise Hinrichs’s hands are just asking to be playfully explored, and she responds to their invitation with curiosity and a great deal of sensitivity. Why should one have to resort to material written by others? That is a question she asked herself many years ago; looking back on a widely acclaimed career as an interpreter, she started to write music tailored to herself. Her latest CD is the most recent installment in that ethereal, beautifully personal long-term project. “Vox Maris” is the CD’s title, and this time she devotes her music to the voices that come from the sea, both in terms of lyricism and sonority. As on her previous CD, she has written miniature sketches that maintain a light, airy transparency at all times, coupled with a clear, uncluttered structure. The paths she has chosen this time are novel and different: they open up windows offering a view upon the ocean, whose potential imagery becomes a programmatic source to inspire our imagination. 

A musical portrait of the sea 

Intricate ascending scales give rise to musical onomatopoeia, flashing like the bursting of underwater air bubbles. The rolling of waves unfurls a unique musical energy when Marie-Luise Hinrichs pulls all the correct stops in terms of mood and atmosphere. Quirky, subtly dissonant harmonies alternate by altering the smallest intervals, suggesting gentle effects of light upon the water. An elaborately woven quilt of undulating arpeggios frequently deploys its own narrative force in melancholy scales in minor mode, thereby allowing us to project our own cinematic images in our heads. But the ocean is immense. It is an elementary force. Although bass notes invade the dark depths, soon the rays of sunlight glancing off the surface start to penetrate the gloom. Some of the pieces have a cheerful effect; other ones, despite a brief one-and-a-half or three-minute format, are entirely capable of developing their own subtle dramatic progressions. This not only occurs when, for instance, the filigree tapestry of modulations in the fifth piece gives rise to an “incursion of discovery into the sea”, inviting us to experience all sorts of intricately related surprises; Hinrichs frequently resorts to borrowings from Impressionism such as the whole-tone scales introduced by Debussy. The diction and style of these pieces are nonetheless always her own: she creates a gentle, intimate mood on a small Yamaha grand piano deliberately chosen for this repertoire. Of one thing the listener can be sure: Hinrich’s musical language guarantees a thrilling encounter with her bountifully illustrated imagination. Stefan Pieper [25 October 2020]  

 

 

 



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